Im Pflegekinderrecht berät Sie
Rechtsanwalt Matthias Westerholt.

Am Wall 171
28195 Bremen
 
 

Mein Name ist Cornelia Wolf

Mein Name ist Cornelia Wolf-Becker, 61 Jahre alt, vier Kinder. Ich bin tätig als Verfahrensbeiständin seit beinahe 13 Jahren und daneben in weiteren pädagogischen Projekten und Zusammenhängen aktiv. Ich arbeite überwiegend mit Kindern und Jugendlichen.


Frage: Worin unterscheiden sich die Probleme von Pflegeeltern und leiblichen Eltern?

Antwort: Beide tragen die gleiche Verantwortung jeden Tag, aber werden unterschiedlich respektiert für das, was sie eigentlich tun. Pflegeeltern wissen, dass sie Kinder mit einem Rucksack bei sich haben, der unterschiedlich stark und schwer gefüllt ist und dass die Aufgaben die sie zu bewältigen haben, eine ganze Ecke schwieriger sein können als die Aufgaben leiblicher Eltern. Pflegeeltern müssen sich viel Gedanken machen über die Entwicklung ihres Kindes, über seine Vorerfahrungen, vor allem über die Frage, ob und wie schwer das Kind traumatisiert ist. Eigentlich müssten Pflegeeltern dafür eine ganz besondere gesellschaftliche Anerkennung bekommen. Das drückt sich aber in vielen Bereichen leider nicht aus.

Frage: Sind Sie manchmal überrascht, was Pflegekinder für (besondere) Probleme haben?

Antwort: Ja. Pflegekinder unterscheiden sich in der Dramatik, wie der Loyalitätskonflikt für sie im Alltag virulent wird. Das gilt auch für leibliche Trennungs- und Scheidungskinder. Manchmal merkt man bei Kindern, dass dieser Loyalitätskonflikt sie quasi zerreißt und zu abstrusen Reaktionen führt. Pflegekinder erleben das in einer ganz anderen Dimension. In der Loyalität zur Pflegefamilie auf der einen Seite, Hoffnung wieder mit ihrer Ursprungsfamilie verbunden zu sein auf der anderen Seite. Viele Pflegekinder sind ja ganz anders wie Trennungs- und Scheidungskinder, oftmals schon frühkindlich bindungsgestört. Das macht natürlich ihre ganze Situation grundlegend anders.

Frage: Warum fühlen sie sich dann loyal ihrer leiblichen Familie gegenüber?

Antwort: Sagen wir mal, das wird Ihnen zunehmend gesellschaftlich suggeriert. Jede Kitschsendung bei RTL2 kümmert sich darum, dass jemand plötzlich nach 20 Jahren entdeckt, dass er seine leiblichen Eltern finden muss oder sich nicht komplett ohne sie fühlt. Hier scheint es ein gesellschaftliches Bedürfnis zu geben allen Kindern einzureden, dass sie das haben müssen.

Frage: Aber können denn kleine Kinder, die sehr früh aus der leiblichen Familie rausgenommen wurden, überhaupt Loyalitätsgefühle haben?“

Antwort: Eigentlich nicht. Das ist bei diesen Kindern die Form der Bindungsstörung. Sie haben nie eine vernünftige Bindung erlebt. Aus dieser Bindungsunsicherheit haben sie dann oft lebenslang Probleme damit, Beziehungen realistisch einzuschätzen oder überhaupt gleichberechtigte Bindungen zu haben. Das bleibt ihnen als Grundproblem oftmals das ganze Leben über erhalten. Vor allem, wenn diese frühen Bindungsstörungen wirklich sehr massiv sind.

Frage: Kann man Bindungsstörungen oder Bindungsdefizite komplett überwinden, indem man „richtig“ mit dem Kind arbeitet?“

Antwort: Das hängt ja von unendlich vielen gleichzeitig agierenden Faktoren ab. Man weiß, dass Kinder auch mit starken und stärksten Belastungen eine sogenannte Resilienz entwickeln können. Aber auch wenn wir einen halben Meter Bücher darüber haben, wie man noch später Resilienz entwickeln kann, gibt es in der Forschung Hinweise, dass Kinder auch etwas mitbringen können, was sie resilient, also wirklich abweisend machen gegen die Unbill des Lebens. Es gibt schon erstaunliche Schicksale von Kindern. Wenn wir die nicht immer wieder erleben würden, würden wir verrückt werden oder hätten wirklich Probleme, unsere Arbeit zu machen und immer wieder Hoffnung zu haben. Aber man erlebt eben diese resilienten Kinder. Die Resilienzforschung ist ja auch eine, die versucht, aus den Beispielen von erstaunlichen Kindern abzuleiten, mit was könnte man Kindern helfen, um möglichst ihr Potenzial an Resilienz irgendwie zu wecken und alles an notwendiger Unterstützung bereit zu stellen. Aber warum manche Kinder so resilient sind, glaube ich, kann man nicht wie in einem Baukastensystem zusammenbasteln und sagen, wenn das und das passiert, dann wird es schon.

Frage: Aber trotzdem können doch Pflegeeltern, viel tun?

Antwort: Na auf alle Fälle. Aber ich denke, sie müssen dabei unterstützt werden. Sie müssen auch immer die Möglichkeit haben, über ihre Erziehung zu reflektieren. Und sie dürfen nicht zu naiv daran gehen und glauben dass sie einfach durch ein großes Herz und viel Gefühl alles schon heilen könnten. Also ich denke, man muss diese Kinder wirklich sehr differenziert betrachten und gucken, was wird ihnen helfen kann, um möglichst viel von der nötigen Resilienz zu entwickeln. Und man erlebt ja auch im Laufe seiner Tätigkeit eine Reihe von Pflegefamilien die damit nicht fertig werden und die leider die Pflegekinder wieder abgeben müssen. Die sind zum Teil ganz frustriert von diesen Erlebnissen. Gerade wenn das erste Pflegekind sie wieder verlassen muss. Dann sagen sie oft nie wieder, das hat unsere Familie fast auseinander gebracht oder unsere Beziehung. Ich kenne auch Fälle, wo anschließend die Scheidung und Trennung der Pflegeeltern anstand.

Frage: Was würden Sie anderen Beteiligten (Sozialarbeiter, Lehrer, Erzieher) im Umgang mit Pflegekindern raten?

Antwort: Die Beteiligten, die im Umfeld von Pflegekindern sozialpädagogisch oder sonst tätig sind, denken oft zu fixiert auf die leiblichen Eltern familienorientiert und wollen die Rolle der Herkunftsfamilie immer wieder hervorheben. Obwohl die Bindungsforschung ja eigentlich seit Jahrzehnten mittlerweile überzeugend darstellt, dass eine nie entwickelte frühe kindliche Bildung und Bindung an die leibliche Mutter und an die leiblichen Eltern für Kinder für die weitere Entwicklung so relevant ist. Also wenn ein Säugling in Obhut genommen wurde und seit drei oder vier Jahren in einer Pflegefamilie lebt, mit nur ganz seltenen Umgangskontakten zu den leiblichen Eltern, dann werden diese Personen immer nur Bekannte unter vielen sein. Da wird wahrscheinlich die Bindung zur Nachbarin, zur Kinderärztin oder zur Erzieherin eine ganz andere emotionale Dimension für dieses Kind haben. Das heißt nicht, dass die leiblichen Eltern rausgedrängt werden soll. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bindung sich noch mal wieder entwickelt, glaube ich, ist vollkommen unrealistisch.

Frage: Die Beteiligten halten ja sehr stark fest an der Wichtigkeit der leiblichen Familie. Kann das auch etwas mit der eigenen Biografie zu tun haben, dass die so zu sagen Angst davor haben, den Kontakt von Kindern zu leiblichen Eltern zu unterbrechen, weil sie das selber irgendwie als schrecklich empfinden, oder empfunden haben?

Antwort: Das ist sicher im Hinterkopf auch drin. Aber es ist auch sicher, das heute sozialpädagogisches Handeln stark davon geprägt ist, immer ressourcenorientiert mit den Eltern zu arbeiten und immer zu schauen, in welcher Form das alles noch zu begleiten ist. Man arbeitet auch in eigentlich desolaten Familien mit Familienhilfe zum Teil jahrelang, um die Situation der Kinder zu verbessern. Natürlich ist diese Form der Unterstützung eine, die auch immer davon ausgehen muss, dass man erfolgreich ist. Ich glaube, dass spätestens der Fall Kevin und auch die wissenschaftliche Bearbeitung solcher Fälle gezeigt hat, dass der Druck unter denen Familienhilfe steht, immer erfolgreich sein zu müssen, natürlich auch dazu führt, Familien zum Teil sehr positiv darzustellen. Wenn man dann von außen nach einer Zeit da rein kommt, beispielsweise als Verfahrensbeistand, sträuben eine sich manchmal die Haare.

Frage: Was würden Sie als besondere Herausforderung in der Arbeit mit Pflegekindern bezeichnen?

Antwort: Die besondere Herausforderung der Arbeit mit Pflegekindern hat sicher viele Aspekte. Ein Aspekt ist auf jeden Fall, dass Menschen die sich für ein Pflegekind entscheiden, bereit sind, sich von der Überidentifikation mit eigenen Kindern sich zu verabschieden. Und die Kinder nicht brauchen, um ihre soziale Stellung oder sich persönlich aufzuwerten. Ich denke, dass Pflegeeltern genau wissen, dass es um die Kinder geht und nicht um sie. Und ich erlebe bei Eltern und bei Kinderwunschgesprächen in vielen pädagogischen Zusammenhängen, dass sich viele Eltern große Illusionen machen, was für eine Funktion eigene Kinder für sie haben werden. Das Kind soll die goldene Haube über der Beziehung sein, die Krönung des Lebens. Das alles belastet Kinder und führt nicht dazu, sie einfach leben zu lassen und ihre Fähigkeiten und ihre Talente und ihre Persönlichkeit entwickeln zu lassen. Viele Eltern haben ein vorgefertigtes Bild, was ein Kind und wie ein Kind zu sein hat. Pflegeeltern glaube ich, sind von dieser Illusion weit entfernt, weil sie sich bei dem Wunsch ein Kind aufzunehmen, von vielen Illusionen bereits verabschiedet haben. Vielleicht haben dadurch manchmal Kinder wirklich ganz andere Chancen ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Weil sie nicht mit so einer „Betriebsblindheit“ der Eltern angesehen werden.

Frage: Könnte man sogar so weit gehen, dass Pflegefamilien besonders gute Familien sind und das Idealbild einer gesunden Familie besonders gut erfüllen?

Antwort: Naja. Ich denke, dass man als Pflegefamilie eben ganz andere Herausforderungen hat und deshalb der Individualität von Kindern, auch den eigenen Kindern gegenüber, viel mehr Raum lassen kann. Wir haben auch ein Kind adoptiert zu unseren drei leiblichen Kindern. Und ich muss sagen, dass ich von meinem Adoptivsohn unendlich viel gelernt habe. Weil ich einfach gezwungen wurde, individueller auf ihn zu gucken. Was will er eigentlich wirklich selber. Und dass ich mich von diesen „mütterlichen Idealen“ teilweise zum Glück habe verabschieden können. Auch um seinen weiteren Geschwistern dann einfach mehr Entwicklungsraum zu geben.

Frage: Was sollte aus Sicht von anderen politischen und sozialen Trägern auch verändert werden?

Antwort: Ich denke, gerade wenn man einzelne Gerichtsentscheidungen liest, dass Pflegeeltern sehr rechtlos sind. Ich denke, dass Pflegeeltern mehr mit ihrer Verantwortung die sie übernommen haben, ernst genommen werden müssen. Auch das, was man wissenschaftlich an Bindungsforschung heute in allen Konzepten von jedem Kindergarten, von jeder Krippe überall liest, sollte ernster genommen werden. Dass man das vor allem auch juristisch ernster nehmen muss und versuchen sollte, diese fundierten und wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse in juristische Entscheidungen wirklich einmal zu übertragen.

Frage: Beraten oder betreuen sie häufig Pflegekinder?

Antwort: Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich viel mit Pflegekindern zu tun. Manchmal habe ich auch noch später Kontakt zu Pflegeeltern, die ich in anderen Zusammenhängen, in Ausbildungen, Kursen oder Vorträgen kennengelernt habe. Einige Pflegeeltern habe ich doch über lange Zeit im Blick und habe Kontakt zu ihnen. Ich habe mich sehr früh mit den Fragen beschäftigt, wo komme ich her, wie möchte ich über meine Vergangenheit als Adoptivkind informiert werden. Ich habe, als damals unser Sohn zu uns kam, mich breit informiert, in vielen pädagogischen Institutionen, um herauszufinden, was wissen die eigentlich über die Bedeutung der Herkunftsfamilie und wie soll man es einem Kind sagen. In welchem Alter, in welcher Form. Da kriegt man unendlich verschiedene Angebote. Das hat uns aber sehr sicher gemacht, einen Weg zu finden, mit den Informationen umzugehen. Das ist schon eine spannende Frage. Bei der Frage, wie sage ich es meinem Kind, wie sage ich es den Geschwistern, merkt man auch bei Pflegeltern ganz stark, mit welcher Einstellung sie in diesem Pflegeverhältnis eigentlich leben. Wollen sie es verheimlichen, aus welchen Gründen, warum trauen sie sich nicht, ihren Kindern es rechtzeitig zu sagen, wie gehen sie damit um, welche Qualität messen sie diesen Informationen bei. Auch wenn es Umgang zwischen Kind und leiblichen Eltern niemals gab. Ich meine, dieses Thema muss altersangemessen mit dem Kind immer mal wieder angesprochen werden. Es bleibt ja ein Teil der Biografie, über das auf alle Fälle geredet werden muss. Alles was verschwiegen oder einfach nicht angesprochen wird, ist für Kinder nie gut.

Frage: Pflegeeltern diskutieren immer wieder die Frage, ob ich dem Kind laufend sage, es ist ein Pflegekind oder ob ich ihm zeige, Du bist unser Kind, das im Alter von so und so viel Monaten zu uns kam. Diese Pflegeeltern vermeiden den Begriff Pflegekind komplett. Wie soll man es handhaben. Der Begriff Pflegekind kann ja auch stigmatisierend sein?“

Antwort: Ich würde den Begriff Pflegekind auch vermeiden. Diese ganzen juristisch geprägten Begriffe, wie Pflegekind, Verfahrensbeistand, also wer gibt seinem Job freiwillig so einen Namen. Das erlebe ich auch oft als Verfahrensbeistand. Ich habe Anrufe bei Eltern gehabt, die gleich gesagt haben, wir sind gesund, wir brauchen keine Krankenschwester. Ich denke, man kann seine Emotionen nicht steuern wie der Schaum in einer Waschmaschine. Man ist mit dem ganzen Herzen und mit seinen Gefühlen und mit allem dabei und dann ist man in dieser Rolle und dann kann man eben nicht noch ein „Pflege“ davor setzen, als ob man mehr medizinisch diese Sache zu betrachten hätte. Also ich könnte das nicht und ich wüsste auch nicht, was das sein sollte. Ein Kind ständig und auch die Umwelt damit zu konfrontieren, dass ist mein Pflegekind, will ich besondere Punkte dadurch kriegen, dass ich wie Mutter Theresa agiere. Ich würde das ablehnen und sagen, nein. Man hat eine soziale Rolle, du bist Kind und ich bin dazu die Mutter und dann ist es so und Peng. Ich habe mich auch im ersten Jahr der Adoptionspflege geweigert den noch herrschenden Nachnamen meines Kindes jemals zu verwenden.

Frage: Sollten denn Pflegeeltern darauf drängen, dass ihr Pflegekind jetzt dauerhaft auch den Nachnamen bekommt?

Antwort: Es ist eine Erleichterung. Man kann ja auch mit Institutionen reden, ob pro forma der Name schon mal benutzt wird, damit das Kind nicht ständig Fragen und Diskriminierungen ausgesetzt ist. Das hängt stark vom sozialen Umfeld ab. Aber es hat sicher etwas, wenn nicht alles aus bunter Mischung besteht. Bei manchen Klingelschildern ist ja bei Patchworkfamilien schon einiges drauf. Da ist man dann froh, dass der Hund und die Katze nicht noch einen extra Namen haben.

Frage: Sind Pflegekinder oder sind leibliche Kinder geschickter und beweglicher?

Antwort: Das hängt von ihren sozialen Fähigkeiten ab. Die Frage kann man nicht grundsätzlich beantworten. Es gibt Kinder, die auch trotz widriger Verhältnisse sehr resilient sind . Die sind sozial oftmals erstaunlich geschickt, ohne übergriffig zu sein, ohne distanzlos zu sein. Aber das mit geschickter oder beweglicher ausdrücken kann man nicht.


Frage: Finden Sie, dass alle beteiligten (Jugendamt, Gericht, Anwälte, freie Träger) sich ausreichend gut auskennen mit den besonderen Problemen von Pflegekindern?

Antwort: Ich glaube, dass sich die beteiligten Institutionen oftmals mit Pflegekindersituationen nicht besonders gut auskennen und dass ihnen nicht wirklich richtig klar ist, wie groß der Anteil dieser Kinder in der Gesellschaft ist. Die steigenden Zahlen zeigen ja nicht, dass die Jugendämter und Gerichte leichtfertiger damit umgehen. Eher, dass die Not der Kinder, die bei uns in der Gesellschaft immer schon geherrscht hat, einfach ein bisschen ernster genommen wird. Ich glaube, dass es in vielen Fällen auch weiterhin Not tut, dass über die Behörden hinaus auch jeder Bürger die Verantwortung dafür tragen muss, wenn er genau weiß, dass in seinem sozialen Umfeld ein Kind gefährdet ist. Das muss man dann eben auch mal ernst nehmen. Und man muss den Menschen auch sagen, ihr könnt das zuständige Familiengericht anschreiben und von euch aus dazu etwas sagen. Wenn ihr vielleicht beim Jugendamt nicht das Gefühl hattet, ernst genommen zu werden. Es gibt vielfältige Möglichkeiten für Kinder, als Nachbarn, als Trainer, als Lehrerin oder als Erzieherin etwas zu tun. Diese Verantwortung müsste sicher ein bisschen breiter werden. Aber ich glaube ich, dass wir da auf einem ganz guten Weg sind.

Frage: Wo besteht Verbesserungsbedarf?

Antwort: Es wäre gut, wenn diese Information einfach breiter in der Gesellschaft gestreut wird. Jeder darf dazu durchaus etwas sagen. Man ist nicht automatisch Denunziant oder übler Nachreder oder irgendetwas in der Form. Man hat den Kinderschutz  und die Kindeswohlgefährdung als gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten, wo wir alle unseren Anteil dran haben. Es gibt viele Wege, mit diesen Sorgen und Bedenken gehört zu werden. Das Jugendamt ist leider in manchen Bevölkerungskreisen stark negativ besetzt, so dass das Jugendamt nicht der erste Ansprechpartner sein kann. Dann muss man den Menschen auch andere Wege zeigen können, wenn sie da nicht den Zugang finden. Das ist eben so. Ich mache manchmal Sozialtraining für sehr schwierige junge Menschen und bespreche dann mit denen auch solche Themen wie Kindeswohlgefährdung. Viele sind ja selber ihre ganze Kindheit über davon betroffen gewesen, haben unter Gewalt gelitten oder haben bei alkoholkranken Eltern gelebt. Da merke ich, wenn man sie darauf anspricht, eine große Bereitschaft, darüber zu reflektieren, wie geht es mit meinen Freunden, wer hat da schon überall ein Kind, wie verhalten sich diese Eltern. Was ist mit den Eltern, die morgens schon mit Bierflaschen vor dem E-Center in Verden auf den Bänken sitzen. Da sieht man oft Kinderwagen und Karren dabei stehen und dann kann man sich seinen Rest dazu denken.

Frage: Manchmal trifft man Pflegekinder wo man sagt, Mensch da hätte man aber eigentlich in der Zeit wo das Kind in der Pflegefamilie lebte, mehr machen können, mehr mit dem Kind arbeiten können. Da ist ein viel Zeit ins Land gestrichen, bevor man da mit dem Kind mal richtig angefangen hat zu arbeiten. Wie kann man die Auswahl und Qualifizierung von Pflegeeltern verbessern oder verändern?“

Antwort: Ich denke, dass es heute ein großes Angebot nicht nur für Pflegeeltern, sondern für Eltern mit gering entwickelter Empathie gibt. Da haben sich viele Elternkurse entwickelt. Ich denke, dass hilft uns allen in pädagogischen Zusammenhängen. Wenn wir uns ständig nachschulen in der Aufmerksamkeit Kindern gegenüber, in der gezielten Wahrnehmung. Gestern war beispielsweise eine Fortbildung im Landkreis zu Emmi Pikler, einer ungarischen Pädagogin die schon vor 50 Jahren Methoden einfach dargestellt hat, wie man Kinder aufmerksam beobachtet und wie man daraus konsequente Schritte auch für das Miteinander macht. Das sind alte Kamellen, aber der Saal war knackend voll mit Fachpersonal aus Kitas, aus Krippen. Die hatten alle das Bedürfnis, immer neu zu reflektieren, guck ich richtig aufs Kind, kann ich Kinder anders beobachten, anders wahrnehmen. Ich denke, so eine ständige Nachschulung tut uns allen unendlich gut und Pflegekindern natürlich auch. Nur da finden wir einen individuellen Weg zum Kind. Daraus entwickeln sich dann auch Hilfsmaßnahmen für das Kind. Nur weil ein Kind in der Therapie ist, muss dieser Weg nicht gut sein. Es gibt ja zum Glück auch ganz ehrliche Therapeuten die in manchen Fällen sagen, tut mir leid, da weiß ich auch nicht weiter, da muss noch einmal etwas ganz Neues überlegt werden. Und wenn wir uns angucken, wie stark nicht nur die Pädagogik der letzten fünfzig Jahren, sondern auch die ganze neue Wissenschaft in der Gehirnforschung uns immer wieder darauf stößt, dass das Kind ein ganzheitliches Wesen ist, dann wissen wir, dass eine isolierende Therapie von einer Verhaltensstruktur oder von einem Lebensbereich des Kindes immer nur ein Tortenstück dieser Kinderpersönlichkeit ist. Und wie wahrscheinlich es ist, wenn man dieses Tortenstück rausisoliert und noch einmal neu dekoriert, dass die ganze Torte wieder nett aussieht, ist eben eine Frage. Diese Ganzheitlichkeit des Kindes, das ist auch Leben miteinander und Alltag gestalten. Das sind oft nicht diese ganz bombastischen Hilfsmaßnahmen, sondern auch ganz viel Kleinteiliges, ganz viel individuelle Überlegungen was dem einzelnen Kind eine Stütze sein kann, um den eigenen Lebensweg irgendwie verantwortlich für sich hinzukriegen.