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Die Geschichte von Pascal B. - Aus Heft 2/2015 "Blickpunkt Jugendhilfe" (Zeitschrift VPK)

Vorbemerkung. Ein inzwischen volljähriger Jugendlicher durchlebt fünf Stationen in der Jugendhilfe und schließt letztlich die Hilfe zur Erziehung erfolgreich ab. Das vermeintliche Scheitern hat sich als jeweils sinnvoller Entwicklungsprozess herausgestellt - vor allem, weil die erste Pflegefamilie immer weiter als fester Bezugspunkt zur Verfügung stand. Die persönliche Schilderung zeigt auf, wie wichtig es ist, dass wir ein "Scheitern" immer auch als Krise interpretieren sollten, aus der sich neue Chancen ergeben können.


 

Dies ist meine Geschichte. Oder: Warum manchmal auch Umwege sinnvoll sein können.

Pascal B.

Mein Name ist Pascal, ich war ein Pflegekind und dies ist meine Geschichte:

Ich bin bei meiner Mutter alleine aufgewachsen. Wir haben immer in der gleichen Wohnung, in einer Großstadt im Ruhrgebiet, vierter Stock, ganz oben, gelebt. Seitdem ich denken kann, ist meine Mutter nicht berufstätig - aufgrund ihrer Krankheit. Zwar habe ich noch einen Stiefbruder, aber der ist sehr früh ins Heim gekommen und kam dann auch irgendwann zu seinem Vater. Ja, und dann weiß ich nicht, wie es mit ihm weitergegangen ist.

Viele Erinnerungen an meine Kindheit habe ich eigentlich nicht mehr. Ich kann mich an nichts im Kindergarten erinnern. An die Schule habe ich leichte Erinnerungen - also an die Grundschule. Aber meine krasseste Erinnerung ist, als ich nach Hause kam und meine Mutter auf dem Sofa lag und sich nicht bewegt und kaum geatmet hat. Da habe ich natürlich gedacht: " Was ist los hier?" Ich habe dann sofort einen Krankenwagen gerufen.

Das erste Mal live erlebt, dass meine Mutter krank ist, habe ich, als ich eines Tages von der Schule kam. Ich glaube, ich war in der 3. Klasse. Ich habe die Haustür aufgemacht. Wenn man reinkommt, ist direkt links das Badezimmer. Meine Mutter hat angefangen, Dekosachen und Shampoo in die Badewanne zu schmeißen - Gläser und Porzellan. Alles einfach rein und hat sich nichts dabei gedacht. Sie hat irgendwas vor sich hin genuschelt und ich meinte so zu ihr: "Mama, was macht du denn da?" Darauf hat sie mir aber keine Antwort gegeben. Klar wusste ich auch schon vorher, dass meine Mutter krank ist, weil sie darüber mit mir geredet hat. Nur ich  hatte es noch nicht ganz verstanden. Ich dachte so: "Ok, sie ist krank." Aber dann habe ich das live miterlebt und wusste dann natürlich Bescheid. Ich weiß gar nicht, was mich in dieser ganzen Zeit eigentlich so hochgehalten hat - in der Zeit, wo ich bei meiner Mutter lebte. Natürlich hat es mich getroffen, aber für mich war es dann irgendwann normal. Ich kannte ja nichts anderes.

Zur Schule bin ich immer gern gegangen, das hat mir auch Spaß gemacht. Es war für mich wie Freizeit. Und ich bin dann auch mal zu meiner Tante gekommen, für ein paar Monate und da habe ich dann ja auch die Welt der "Normalen" kennengelernt, sage ich jetzt mal und da konnte ich natürlich schon unterscheiden. Ich habe mir schon unterscheiden. Ich habe mir schon früh gesagt, egal was kommt,  du ziehst deine Schule durch und machst was aus deinem Leben, alleine nur, um deiner Mutter irgendwann einmal helfen zu können. Jetzt bin ich der einzige aus meiner Familie, der wirklich was erreicht hat.

Eines Tages war ich wieder bei meiner Tante und da kam das Jugendamt. Diese Situation habe ich noch vor Augen, da war meine Mutter im Krankenhaus und auf einmal fuhr ein Auto vor der Tür meiner Tante vor. Dann hieß es: "Ja, hier ist das Jugendamt." Ich wurde mitgenommen, ohne, dass meine Mutter erst einmal etwas davon wusste. Ich wusste nur, das Jugendamt ist böse und will mir meine Mutter nehmen. Die erfuhr erst später davon, weil sie ja im Krankenhaus lag und man sie nicht mehr aufregen wollte. Auf einmal hieß es: "Du kommst ins Heim!". Ich wusste ja schon: "Ok, ein Heim ist nicht so wunderbar." Ich glaube ich war so 1 1/2 bis 2 Jahre im Heim. Aber jetzt kann ich  sagen, dass das Heim gar nicht so schlimm ist, wie man immer sagt. Natürlich ist es nicht dasselbe, wie Zuhause leben, aber es ist auch nicht irgendwie schlecht.

Das Jugendamt wollte mich vorher schon einmal ins Heim stecken, sagte Mama. Deswegen bin ich auch zu meiner Tante gebracht worden, um mich quasi zu verstecken. Ich weiß noch, da waren schon einmal welche da und da musste ich in den Keller, damit das Jugendamt mich nicht findet.

Im Heim hatte ich Gleichaltrige um mich herum. Das war dann doch ganz schön. Aber klar war es auch blöd, von meiner Mutter getrennt zu sein. Das Heim war aber Gott sei Dank nicht weit weg. Nur 500 - 700 m. Ich habe dort viele neue Leute kennengelernt. Ich war in zwei Wohngruppen. In der ersten Wohngruppe, da war ich mit einem anderen auf dem Zimmer. Da waren, glaube ich, 7 oder 8 Zimmer in einer Gruppe und man hat dann immer 2 Kinder in einem Zimmer untergebracht. In der zweiten Wohngruppe waren wir auch zu zweit. Mit meinem Zimmernachbarn habe ich mich am besten verstanden. Die Erzieher waren auch nicht so, Dienst nach Vorschrift. Man hat denen angemerkt, dass die nicht einfach ihren Job machen, sondern die waren mit Herz und Seele dabei. Haben sich auch gekümmert und in schwierigen Situationen  gezeigt, dass die ihren Job können. die sind mit uns raus gegangen oder ins Schwimmbad. Da war ja ein eigenes Schwimmbad auf dem Gelände. Ich habe eine positive Sicht auf das Heim. Offiziell durfte ich meine Mutter alle drei Monate sehen. So in Ferienfreizeiten. Inoffiziell war es eigentlich jeden zweiten Tag. Weil Mamas Wohnung ja auf dem Weg zur Schule lag und ich immer zur Schule gelaufen bin. Dann bin ich immer kurz vor er ersten Stunde da hoch zu meiner Mama. Habe sie begrüßt, wir haben ein bisschen gequatscht und dann zur Schule.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als Klaus Münstermann vorbei gekommen ist und mir gesagt wurde, dass ich in eine Pflegefamilie kommen werde. Das Heim hat das gut vorbereitet, indem wir erst einmal in Gelsenkirchen Eis essen waren oder ich mit Maik Fußball gespielt habe, wir uns nun also langsam kennengelernt haben. Dann hat das Heim mir erklärt, dass Herr Münstermann nun eine Pflegefamilie für mich suchen wird und ich habe erst einmal gedacht: "Oh Gott, was kommt da auf mich zu? Neue Leute, neue Familie. Wieso denn das, ich habe doch eine?" Aber andererseits habe ich auch gedacht, warum nicht, ich will ja, dass irgendwas besser wird. Und ich hatte immer noch das Ziel vor Augen, dass ich etwas aus meinem Leben machen will, um meiner Mutter zu helfen. Und im Heim wusste ich, dass ich so nicht langfristig irgendetwas erreichen kann. Auch später, wenn man dann im Lebenslauf liest: war im Heim. Ist auch nicht so schön.

Am Anfang war es in der Pflegefamilie ungewohnt und ich hatte auch ein wenig Schiss. So auf einmal eine intakte Familie zu sehen und zu merken: Oh, meine Familie ist jetzt nicht so intakt. Deswegen war ich auch ein bisschen traurig. Ich war am Anfang auch sehr aggressiv, weil ich von meiner Mutter getrennt war und noch nie so eine Familie erlebt hatte. Ich weiß nicht, ob das dann der Neid war auf die Familie. Irgendwie hat das damit auch zu tun. So eine schöne Familie vor Augen zu haben und man selbst kommt als Fremder und steht so daneben. Und du willst ja auch nicht mit integriert werden, weil du ja Angst hast. Das, was ich wollte, direkt vor meinen Augen zu haben, nur, dass es nicht meins war. Obwohl ich so aggressiv war, hat man immer das Gespräche gesucht. Man hat mich nie aufgegeben, obwohl ich so war, wie ich war.

Zweimal die Woche kam der Therapeut, Herr R.. Das war schön. Er diente als Vermittler und ich habe mit ihm meine Mutter besucht, Ausflüge gemacht und mich um meine körperliche Fitness gekümmert.

Jedoch bin ich irgendwann an meinen Aggressionen gescheitert. Die Familie hatte viel Geduld mit mir, aber irgendwann reist auch jeder Geduldsfaden. Ich habe bei den kleinen Geschwistern randaliert, die Pflegemutter die Treppe heruntergeschubst. Dann hieß es: "Du musst uns verlassen, es geht nicht mehr." Ich kam dann aber nicht wieder zurück ins Heim, sondern in eine andere Pflegefamilie - nach Hessen auf einen Pferdehof.

Das war ganz anders. Es war dort natürlich alles viel größer, weil es ein Pferdhof war. Mein Pflegevater hatte neben den Pferden mehrere Fitnessgeräte. Dort konnte ich so viele Aggressionen zeigen, wie ich wollte. Er blieb ruhig und, wenn es mal ernst wurde, hat er mir geholfen, dass ich wieder runterkam. Ich glaube, das habe ich auch gebraucht. Und der Alltag mit den Pferden hat mich beschäftigt. Ich hatte keine Langeweile und war dann auch irgendwann nicht mehr aggressiv. Jedoch konnte ich dort auch nicht bleiben. Ich bin dort gescheitert, weil die Pflegefamilie ursprünglich nur für Mädchen gedacht war. Nur aufgrund meiner besonderen Situation bin ich dort hingekommen, war also eher eine Ausnahme. Die Mädchen dort auf dem Pferdehof wurden älter und auch ich wurde älter. Die Hormone kamen und dann fing man halt an, sich zu erkunden. Das war eben nicht erlaubt. Ich habe mich in zwei Mädchen verliebt und eins musste deswegen schon gehen. Marc hätte gerne das zweite Mädchen auch weggeschickt, weil ich wie ein Sohn für ihn geworden bin. Aber ich habe gesagt, dass ich dort so viel gelernt habe und ich mit 14 Jahren gehen könnte. Das zweite Mädchen war erst neu da und braucht noch die Hilfe.

Bevor ich wieder zu meiner ersten Pflegefamilie kam, war ich erst bei einem kinderlosen Nachbarehepaar, weil bei meiner ersten Pflegefamilie damals kein Platz war. Jedoch funktionierte es dort nicht gut. Vermutlich, weil sie keine Erfahrungen mit Kindern hatten und dann bekamen sie gleich so einen wie mich. Nach einer heftigen Eskalation kam ich wieder zur ersten Pflegefamilie. Ich wurde dort mehr einbezogen und nicht mehr behandelt wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener, obwohl ich noch keiner war.

Und dann blieb ich da auch erst einmal eine Zeit lang, bis ich meine Ausbildung angefangen habe. Also bis zu meinem 18. Geburtstag. Dann kam ich in eine eigene Wohnung. Das lag aber nicht an meiner Pflegefamilie, sondern am Jugendamt. Das hat gesagt, dass ich zu selbstständig wirke und deshalb in eine eigene Wohnung muss. Die bezahlten die Pflegefamilie nicht mehr weiter.

In der Schule kam ich während dieser Zeit ganz gut klar, weil ich nie das Ziel, meiner Mutter einmal zu helfen, aus den Augen verlor. So konnte ich auch einen guten Abschluss machen und bekam einen Ausbildungsplatz in einer Mercedes Werkstatt, nachdem ich mich bei jedem Autohaus in Ibbenbüren beworben hatte. Das war wie ein Jackpot für mich. Ich  konnte in einem Einstellungstest, beim Vorstellungsgespräch und beim Probearbeiten überzeugen. Erst dachte ich: "Ach du Scheiße, das schaffe ich nie!" Aber ich habe mich gut vorbereitet. Eine Woche lang die Homepage durchforstet und alles auswendig gelernt.

Während meiner Ausbildung kam es natürlich auch zu Konflikten. Aber nur Kleinigkeiten. Ich habe mich nie mit dem Meister gestritten, weil ich zu viel Respekt vor ihm hatte. Wenn er mich angebrüllt hat, habe ich einfach den Kopf eingezogen, obwohl das ja eigentlich nicht meine Art ist. Natürlich habe es Schwierigkeiten, weil ich ja auch nicht ein so super 1A-Lehrling war. Ich habe mich auch ab und zu mal daneben benommen oder etwas kaputt gemacht. Oder bin mal nicht zur Schule gegangen. So Kleinigkeiten. Aber bei Mercedes wird so etwas schon groß geschrieben. Das verstehe ich auch, weil die einen Ruf zu verlieren haben. Dementsprechend bekam ich auch die Konsequenzen. Erst die erste Abmahnung, dann die zweite Abmahnung und nun wusste ich auch: Jetzt dauert es nicht mehr lange bis zum Ende und ich habe mich zusammengerissen. Die Abmahnungen bekam ich nicht wegen Aggressionen, sondern wegen Missachtung der geltenden Regeln. Ich hatte das Handyverbot auf dem Lehrgang und in der Schule nicht eingehalten.

Das Interesse für diese Ausbildung wurde auf dem Pferdehof geweckt. Da musste ich mein erstes Praktikum absolvieren. Da habe ich das mit Autos einfach einmal ausprobiert. Ich habe zwar keinen Plan, also habe ich ein Praktikum in einer freien Werkstatt gemacht. Da konnte ich alles einmal ein bisschen kennenlernen. Da dachte ich: "Das ist ja mega cool. Macht mir Spaß und auch die Technik interessiert mich." Das zweite Praktikum habe ich auch in einer Werkstatt gemacht und so wusste ich mit 14 schon, was ich machen wollte.

An Autos mag ich Aussehen und die Technik, die dort drin steckt. Die ist ja bis auf ein hundertstel Millimeter durchdacht und präzise. Man muss alles genau berechnen. Im Auto machen das die Steuergeräte, aber wenn das Auto gebaut wird, machen das die Ingenieure. Das finde ich eben cool. Ich möchte so etwas auch machen. Später möchte ich studieren und deswegen wollte ich auch diese Lehre machen. Weil man schließlich wissen muss, was Ingenieure sich so ausdenken. Das muss man nachvollziehen können. Natürlich gibt es Hilfe wie Schaltpläne, aber man muss das im Kopf nachvollziehen können.

Seit ich bei meiner ersten Pflegefamilie ausgezogen bin, habe ich zu meiner Mutter sehr guten Kontakt. Sie ruft mich dreimal am Tag an. In manchen Situationen nervt es mich. Dann sage ich ihr das auch. Dann lässt sie es. Und sonst haben wir eigentlich viel Kontakt. Und ich fahre nach wie vor alle drei Monate hin. Früher war es mal für eine Woche oder fünf Tage. Heute ist es meistens nur noch ein Wochenende, weil ich einfach nicht mehr so viel Zeit habe und ja auch selbst im Leben vorwärts kommen muss.

Auch zur ersten Pflegefamilie habe ich noch regelmäßigen Kontakt. Als ich in die eigene Wohnung gezogen bin, haben die mir viel geholfen. Ab und zu gehen wir einmal essen, wir telefonieren, sie besuchen mich oder so. Und immer, wenn es mir zu viel wird, hier in Ibbenbüren oder generell, fahr ich da für ein paar Tage hin, komme ein bisschen runter und mache mir meine Gedanken. Da habe ich eben meine Ruhe. Da kann ich entspannen.

Meine Zukunft sieht so aus, dass ich erst einmal den Führerschein machen möchte und einen guten Job finden möchte, da meine Ausbildung als Mechatroniker ja nun beendet ist. Dann möchte ich mir gerne ein eigenes Auto kaufen - einen 190er Benz aus dem Jahre 1988 - das wäre mein Traum, weil er einfach nur schweinegeil aussieht.

Seit 8 Monaten habe ich eine Freundin und es läuft mega gut, also es ist nicht so, nur rosarote Brille, es ist wirklich realistisch gesehen. Wir haben schon überlegt, wenn sie ihre Lehre in drei Monaten fertig hat, zusammenzuziehen. Dementsprechend brauche wir auch eine neue Wohnung. Ich möchte mich auf jeden Fall weiterbilden. Vielleicht in der Abendschule mein Abi machen und dann mein Studium.

Durch meine Pflegeeltern hat sich mein ganzes Leben verändert - positiv. Früher war das so, dass mir alles egal war, ob ich Mist gebaut habe oder was auch immer. Meine Pflegefamilien und auch die Therapeuten haben mir den Kopf gewaschen. Heute ist das so, seitdem ich alleine wohne, wenn ich Schwierigkeiten habe, dann sage ich ungern der Pflegefamilie Bescheid. Ich gucke erst einmal, dass ich das selber hinkriege. ich denke, mir dann selber Lösungen aus. Früher haben andere mir geholfen, heute helfe ich mir selber. Ohne die Menschen, die mich begleitet haben, hätte ich das nicht geschafft. Ich hätte mir in meinem Leben nicht mehr Unterstützung wünschen können.