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Rechtsanwalt Matthias Westerholt.

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Mehr Rechte für Pflegefamilien - Entscheidung für das Wohl der Kinder

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will die Kinderrechte im Grundgesetz verankern, so berichtete kürzlich der SPIEGEL (Ausgabe 33/2014). Hinter dieser Forderung steht besonders der Wunsch, die Rechte von Kindern, die in Pflegefamilien leben, zu stärken. Die Union hingegen fürchtet, dass durch Schwesigs Pläne die starke Stellung der leiblichen Eltern gefährdet wird. Inwieweit kann ein geändertes Grundgesetz das Wohl der Kinder tatsächlich verbessern?


Wenn Kinder in einer Pflegefamilie untergebracht werden, handelt es sich in der Regel um einen Notfall. Dann sind die leiblichen Eltern trotz Unterstützung durch die Behörden zeitweise nicht bzw. gar nicht mehr in der Lage, ihre Kinder zu versorgen. Die Ursachen und Gründe dafür sind vielschichtig, nicht selten spielt psychische Überforderung der Eltern eine Rolle. Viele der Kinder, die aus den sogenannten Herkunftsfamilien genommen werden, wurden vernachlässigt oder leben in schlimmster Verwahrlosung oder haben sogar Gewalt oder Missbrauch erfahren. Das Jugendamt spricht dann von „Kindeswohlgefährdung“.

In akuten Krisen gibt es die Möglichkeit, betroffene Kinder für eine Zeitlang in einer Übergangspflegefamilie unterzubringen, wo sie einige Wochen bzw. Monate betreut werden, bis das Jugendamt eine langfristige Lösung gefunden hat. Möglicherweise haben sich in dieser Zeit die Familienverhältnisse der sogenannten Ursprungsfamilie deutlich verbessert, sodass das Kind zu seinen leiblichen Eltern zurückkehren kann. Ist das nicht der Fall, bietet die Unterbringung in einer Vollzeit-Pflegefamilie eine gute Alternative zu einem Heim.

Hohe Anforderungen an die Pflegefamilie

In der „neuen“ Familie sind die Kinder umgeben von liebevollen Bezugspersonen, die sie zuverlässig versorgen und auf ihre Wünsche und Schwierigkeiten eingehen. Dass es sich dabei um keine leichte Aufgabe für alle Beteiligten handelt, steht außer Frage: Kinder, die in ihren Herkunftsfamilien seelische und körperliche Schäden erlitten haben, sind häufig traumatisiert und leiden unter Bindungsängsten, haben Lernschwierigkeiten oder Aufmerksamkeitsstörungen. Sie brauchen sehr viel Geduld und Liebe und zusätzlich oft auch noch Fördermaßnahmen wie Logopädie, Ergotherapie oder psychologische Unterstützung bzw. pädagogische Fördermaßnahmen in Kindergarten und Schule. Hinzu kommt die Tatsache, dass einige Pflegekinder an dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) leiden, das durch übermäßigen Alkoholkonsum von Müttern während der Schwangerschaft ausgelöst wird und mit körperlichen Fehlbildungen oder geistigen Störungen verbunden ist. Familien, die sich für ein Pflegekind entscheiden, sind also in vielerlei Hinsicht gefordert und brauchen viel Unterstützung aus der eigenen Familie und natürlich auch gesellschaftliche Anerkennung. Hier ist viel Aufklärung notwendig, da viele Familien nicht abschätzen können, was es bedeutet, wenn ein Baby zum Beispiel an FAS leidet. „Junge Familien mit Kinderwunsch, die sich um ein Pflegekind bemühen, können einfach nicht absehen, wie groß die Verantwortung ist und brauchen dringend Unterstützung und Beratung von Seiten der Behörden“, erklärt Silke Wieg. Die Familienrechtlerin vertritt als sogenannter Verfahrensbeistand die Interessen der Kinder und hat in dieser Funktion viel Kontakt sowohl zu den Pflegefamilien als auch zu den Einrichtungen, in denen die Kinder untergebracht sind.

Pflegeeltern sehen sich außerdem häufig mit Vorurteilen konfrontiert: ihnen wird vorgeworfen, dass es ihnen nur ums Geld ginge bzw. dass sich nur die leiblichen Eltern angemessen um das Kind kümmern könnten. Schlagzeilen über einzelne Pflegefamilien, die die ihnen anvertrauten Kinder vernachlässigen, verstärken diese Meinungen. Dass es sich dabei um absolute Einzelfälle handelt, wird gern übersehen. Dabei ist es für die Pflegeeltern von enormer Bedeutung, dass ihnen Respekt, Wertschätzung, Akzeptanz und vor allem Anerkennung entgegengebracht werden, gerade weil das Zusammenleben mit einem Pflegekind einen sehr hohen Einsatz seitens aller Familienmitglieder erfordert.

Kinder brauchen einen Lebensplatz in der Familie

Wenn sich die Verhältnisse in der Herkunftsfamilie für das Kind deutlich verbessert haben, kann es sein, dass es die Pflegefamilie wieder verlässt und zurückkehrt zu seinen leiblichen Eltern, so will es zumindest der Gesetzgeber. Ist es in einer Bereitschaftspflegefamilie, ist klar, dass es nur für eine bestimmte Zeit dort bleiben kann. Eine schwierige Situation für Pflegefamilie und Kind gleichermaßen, denn in der Regel ist bereits nach einigen Wochen eine Bindung zwischen Kind und Pflegeeltern entstanden. „Gerade für kleine Kinder ist der Verlust der eigenen Eltern geprägt von der Erfahrung des Verlassenseins, umso dramatischer ist ein erneuter Verlust der Vertrauensperson und umso wichtiger ist es, dass für das Kind eine dauerhafte, zuverlässige Perspektive entwickelt wird“, erläutert Wieg. „Es ist klar, dass es oberstes Ziel ist, die Kinder in ihre Herkunftsfamilien zurück zu vermitteln, entscheidend ist aber, dass das Kindeswohl dabei im Mittelpunkt bleibt“, so Wieg. „Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind und die Kinder in der Dauerpflegefamilie starke Bindungen eingegangen sind, sollte man die Bindungsfähigkeit dieser Kinder nicht wieder zerstören – Kinder brauchen einen Lebensplatz in einer Familie.“

Kinder in Pflegefamilien haben die Möglichkeit, weiterhin Kontakt zu den leiblichen Eltern zu behalten und in die Situation als Pflegekind hineinzuwachsen, und das sei auch wichtig und gut, so Wieg. Das Kind habe so die Möglichkeit, sich mit seinen Wurzeln auseinanderzusetzen, und die Chance zu verstehen, warum es nicht in seiner Herkunftsfamilie lebt.

Der Rechtsanwalt Matthias Westerholt weist darauf hin, wie wichtig es sei, dass ein Kind starke Pflegeeltern habe. Er hält es für besonders problematisch, dass Pflegekinder oftmals über Jahre in permanenter Unsicherheit über ihren Platz im Leben gehalten werden. „Jugendämter meinen, sie müssten laufend alles tun, um eine Rückführung (in die Ursprungsfamilie, Anm. d. Redaktion) zu ermöglichen. Durch Umgänge, Herkunftsfragen oder das Modell der zwei Familien. Das ist rechtlich falsch und stark kindeswohlgefährdend. Kinder, auch Pflegekinder haben ein Recht auf Kontinuität, Verlässlichkeit und Sicherheit. Nimmt man ihnen das und zeigt ihnen immerfort, dass sie ja vielleicht doch irgendwann wieder woanders werden leben müssen, bringt man die Kinder in Gefahr. Denn ein Kinderleben in Unsicherheit verbringen zu müssen, überlebt keine Kinderseele.“ Matthias Westerholt ist auf die rechtliche Vertretung von Pflegeeltern spezialisiert, außerdem ist er Vorsitzender des Pflegeelternvereins PIVKE e. V./Verden.

Kindeswohl an erster Stelle

Im letzten Jahr haben die Jugendämter in Deutschland ca. 42.000 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, gut 5% mehr als im Vorjahr. Der häufigste Anlass war die Überforderung der Eltern beziehungsweise eines Elternteils. Nur ein Teil dieser Kinder wird in Pflegefamilien untergebracht, der Bedarf ist groß. Sollen die Jugendämter und Gerichte sich zukünftig stärker nach dem Wohl der Kinder richten, wie von Manuela Schwesig gefordert, muss genau hier das Gesetz greifen. Es fehlen vor allem Beratungsmöglichkeiten und Unterstützung für die zukünftigen Pflegeeltern, um sie intensiv auf ein Leben mit dem Pflegekind vorzubereiten. Eine Aufgabe, für die die Jugendämter viel Kapazitäten brauchen. Entscheidend ist, dass für die Kinder eine gut durchdachte Lösung gefunden wird, die ihnen eine längerfristige Perspektive in einer liebevollen Umgebung bietet – dann nämlich steht das Kindeswohl an erster Stelle.

 

Quelle: Familienmagazin Kinderzeit Bremen, November 2014, www.kinderzeit-bremen.de